Der Menschenfresser
Der Menschenfresser

Auszug aus "Den Schatz bewacht der Menschenfresser" (S.12-13)

 

Also, mein Name ist Hugo Ramsauer. Eigentlich heiße ich Hugo Emmanuel Heinrich Otto-Karl Ramsauer, nach meinen Vorfahren. Aber das musst du dir nicht alles merken. Den Nachnamen habe ich von meiner Mama, die schon seit Generationen Ramsauer heißt. Mein Papa heißt Anders, weil der sich ums Verrecken nicht von seinem Mädchennamen trennen wollte.

Also ich meine, er heißt auch anders als ich, meine Mama und meine Schwester, aber er heißt außerdem wirklich „Anders“ mit Nachnamen. Aber weil dieser Name so blöd ist und immer zu Missverständnissen führt, haben meine Eltern entschieden, uns Kinder Ramsauer zu nennen. Das heißt wiederum, dass ich niemals in folgende Situation kommen werde:

Lehrer: Wie spricht man deinen Nachnamen richtig aus, Hugo?

Hugo: Anders.

Lehrer: Ja, aber wie?

Hugo: Anders.

 

Ich trage nachts eine Zahnspange und habe schwarze Haare. Für mein Alter bin ich ziemlich groß, schon fast so groß wie meine Mama. Das liegt auch daran, dass ich erst mit sieben Jahren eingeschult wurde und nicht schon mit sechs wie mein bester Freund Cleo, der eigentlich Johann Reuther heißt. Er hatte sich uns am Anfang der fünften Klasse als Cleopatra vorgestellt, weil er fand, dass dieser Name nur so vor männlicher Urgewalt strotze. Da hatte unser Lehrer einen Lachanfall bekommen und uns erklärt, dass Cleopatra aber eine Frau, eine Pharaonin aus Ägypten gewesen wäre. Da errötete Cleo und wir lagen auf unseren Bänken vor Lachen.

In der Pause hatte uns Cleo aber erklärt, er habe sichere Belege dafür, dass es schon vor der Zeit der Pharaonen einen männlichen, vollbärtigen Cleopatra gegeben habe, der immer in seiner Mittagspause durch den Dschungel getrampelt sei, um Schlangen und Säbelzahntiger mit bloßen Händen zu erwürgen. „Mit den Säbeln hat er dann so viele Mammuts kaltgemacht, dass sie gleich ausgestorben sind. Cleopatra selbst war aber Vegetarier. Er aß nur Heidelbeeren und tötete die Tiere nur zum Training!“

Das war so cool, dass uns allen der Atem wegblieb.

Also konnte Cleo seinen Namen behalten, ohne dass sich jemand noch darüber lustig machte. Er selbst ist Vegetarier, genau wie sein bärtiger Namensvetter. Zumindest behauptet er stur, er sei Vegetarier. Auch wenn ich seine persönlich festgelegten Regeln zum Vegetarismus etwas fraglich finde. Zum Beispiel isst Cleo die Haut von Hendln und Chicken Wings ohne schlechtes Gewissen, weil er sagt, dass Haut ja kein Fleisch sei. „Dann dürften Vegetarier auch keine Milch und keinen Pudding essen, denn da ist ja auch Haut drauf!“

Das leuchtet ein. Was ich persönlich aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass mein Freund regelmäßig Wurst isst. Er behauptet, dass niemand genau wisse, was in so einer Wurst drin sei. „Ich bin doch nicht bescheuert und verzichte mein ganzes Leben auf Wurst und dann sagt mir irgendein dahergelaufener Wissenschaftler kurz vorm Tod, dass da gar kein Fleisch drin ist!“

Den Vegetarismus hat Cleo ursprünglich von seinem seligen Hund, einem Husky, abgeschaut. „Der hat nur Knochen gefressen und Knochen sind kein Fleisch. Also war er ja auch Vegetarier!“ Überhaupt ist sein Hund, den vor fünf Jahren angeblich die Maul- und Klauenseuche dahingerafft hat, sein großes Vorbild. Er hätte dem kleinen Baby-Cleo zum Beispiel das Laufen beigebracht. Außerdem wäre Cleo auf dem Hund immer in den Kindergarten geritten, sagt er. „Da habe ich einfach einen Knochen an der Angel vor seine Schnauze gehalten und mich mit der anderen Hand an seinen Schlappohren festgehalten.“

Seltsam, dabei haben Huskys gar keine Schlappohren.


Auszug aus "Dinotherium bavaricum vs. Predator" (S.6-7)

 

Lieber Leser, es freut mich, dass du hier bist und meine Gedanken liest, die ich gerade Revue passieren lasse. Das ist viel einfacher und mir persönlich auch viel lieber, als wenn ich erst davor ein Buch schreiben müsste. Das kann ich nämlich nicht.

Also ich könnte es schon, aber das würdest du nicht lesen wollen, denn der Text würde nur so vor Schreib- und Kommafehlern strotzen. Aber vermutlich würde dir das gar nix ausmachen, denn keinen Menschen, der ein bissel bei Verstand ist, stören Schreib- und Kommafehler. Und du bist ja ganz sicher bei Verstand. Du bist total verständig und ziemlich cool, das weiß ich gewiss. Sonst würde ich dich nämlich niemals in meinen Gedanken herumschnuppern lassen.

Vielleicht hätte ich Cleo bitten sollen, diesen Abenteuerkrimi wahrheitsgetreu niederzuschreiben – dann könnten wir mit dem Buch ein Heidengeld verdienen.

Aber die Tatsache, dass er auf verschiedene „überflüssige“ Buchstaben im Alphabet verzichtet und seit Neuestem nur noch Kleinbuchstaben verwendet – er findet, dass nicht nur alle Menschen auf der Welt gleichbehandelt werden sollten, sondern auch alle Buchstaben …

... ach, es ist echt wurscht. Reden wir nicht mehr davon, sonst kriege ich noch Arthrose im Gehirn.

Was würde das Heidengeld überhaupt nützen, frage ich dich? Ist uns denn nicht allen klar, wie das am Ende abläuft?

Stell dir mal vor, ich und Cleo wären stinkreich, hätten für unser Leben ausgesorgt und aller Ruhm der Welt würde uns auf unseren Tourneen entgegenwehen.

Dann wäre das Leben ein Kinderspiel: Will ich Freunde haben, kaufe ich sie. Will ich Freundinnen haben, kaufe ich sie. Will ich einen Nachweis vom Doktor haben, dass ich krank bin und nicht in die Schule gehen kann, kaufe ich ihn. Den Nachweis oder den Doktor. Mir ist das gleich. Dann habe ich eine Chauffeuse für meinen Sportwagen, eine Masseuse für meinen Sportkörper und eine Fritteuse für meine Haare.

Ach, das wäre der Hammer! Aber leider gibt es auf der Welt jene summenden Kreaturen, die nur dafür geschaffen wurden, uns Tropfen für Tropfen die Lebensfreude aus dem Leib zu melken – Eltern.

Und wenn man auch wirklich einmal etwas geleistet hätte und wenn man auch wirklich zu Geld und Ruhm gekommen wäre – halt, halt, halt und nicht so schnell und komm mal runter, wird gesagt. Und dann wird dein sauer verdientes Geld genommen und auf ein Konto überwiesen, auf das du frühestens mit achtzehn Jahren zugreifen kannst. Und kommen wirklich einmal Anfragen von Zeitungen oder Fernsehsendern, dann schreiben die Eltern gebieterische Absagen zurück: „Es sind noch Kinder – wir bitten Sie, sie künftig nicht mehr zu belästigen.“

„Ein Konto, auf das man erst in sechs Jahren zugreifen kann, ist so sinnvoll wie ein Kühlschrank in der Antarktis. In sechs Jahren werden alle Konten von Hackern online ausgeraubt worden sein“, meint Cleo immer, wenn wir darauf zu sprechen kommen. „Gott sei Dank hab ich einen Plan, wie ich in nur wenigen Jahren zum großen Geld kommen werde.“

„Wie denn?“

„Ich werde eine alternative Energiequelle erschließen und das Patent teuer verkaufen.“

„Was für eine Energiequelle?“

„Stell dir mal gigantische Hamsterräder vor, die von Joggern angetrieben werden. Das wäre Hundertprozent Ökostrom und Jogger gibt es ja eh wie Sand am Meer.“

„Meinst du, dass die sich wirklich bereit erklären, in einem Hamsterrad zu joggen?“

„Das wird man für einen gesunden Planeten wohl erwarten dürfen. Zur Not muss die Polizei halt für Recht und Ordnung sorgen und den gewissenlosen Straßenjoggern die Beine brechen.“    

 

Klingt gut. Aber lass mich jetzt die Geschichte beginnen:

Es war einmal an einem Samstagvormittag zur Sommerzeit – natürlich, wann sonst? Jugendgeschichten spielen fast ausschließlich zur Sommerzeit, weil da die Sommerferien sind und man in der Schule ja keine Abenteuer erleben kann. Da kann man höchstens den superduperspannenden Abenteuern von Herrn Perikles lauschen oder von König Echnaton und seiner Frau … ähm … seiner Frau … ich komme jetzt nicht auf den Namen. Klingt so ähnlich wie „Noch Früchtetee!“. 

Kotz!

 

Das werde ich ab jetzt so machen, das spart Zeit. Wenn mich etwas anwidert oder sonstige Gefühle in mir weckt, drücke ich das mit einem schlichten Kotz! aus. Oder mit Würg! vielleicht. Oder mit Kotzwürg!

Es war also an einem Samstagvormittag zur Sommerzeit, aber es war erst Anfang Juli und noch Schulzeit. Kotz! In zwei Wochen würde es Zeugnisse geben. Kotzkotz! Und mein Zeugnis würde fast ausschließlich Vierer enthalten. Kotzwürgwürg! Und meine Eltern würden sehr sauer darüber sein. Kotzko… ach, jetzt mag ich nimmer. Das ist echt zu albern. 

Vor Cleos Haustür stand eine kleine Schlange von Bewerbern. Wir hatten vor wenigen Tagen in unserer Klasse verkündet, dass wir ein Detektivbüro eröffnen wollen, dafür aber einen dritten Detektiv bräuchten. Jeder, der über besondere kriminalistische Fähigkeiten verfügte, dürfte am Samstag bei uns vorsprechen und sich bewerben. Er müsse sich aber der Gefahren bewusst sein.

Schließlich würden wir nicht kleine, unbedeutende Kinderdetektivfälle aufklären, wo etwa die Cookies hinverschwunden sein könnten oder warum Dieben nachgestellt wird, während Laubsaugbläser ungestraft ihr Unwesen treiben dürfen. Nein! wir würden es mit echten Verbrechern zu tun haben: Räubern, Mördern und Werwölfen!

Jetzt habe ich vielleicht schon zu viel verraten – versuch, das letzte Wort vorsichtshalber wieder zu vergessen, lieber Leser. Das war an der Stelle nicht wirklich intelligent platziert.

Auf jeden Fall würde es heiß hergehen in diesen Sommerferien, das sollten die Mitschüler schon genau wissen und sich in Acht nehmen. Wir konnten schließlich nur die Besten der Besten in unserem Team gebrauchen.


Auszug aus "Endzeitpark" (S.8-9)

 

„Johann!“

Die Stimme von Cleos Mutter weckte mich aus meiner Träumerei. Die Nachricht auf meinem Handy war noch frisch, das Eisessen mit Mädchen 1 und der Kinoabend mit Mädchen 2 bereits fix.

„Es läuft“, murmelte ich so dezent vor mich hin, dass Cleo sich die Ohren zuhielt.

Trüber Schweiß rann über seine Birne, als er aufsah. Er saß, wie er beteuert hatte, schon seit Sonnenaufgang hier auf der Terrasse, um irgendwelche Gesteinsbrocken, die er irgendwo erstanden hatte, auf Buchstaben zu untersuchen. Er behauptete steif und fest, die fehlenden Splitter von irgendwelchen nostalgischen Schrifttafeln gefunden zu haben – dem sogenannten Gilatier-Epos. 

„Gilgamesch-Epos“, verbesserte er mich. „Und wenn ich die Zeilen richtig zusammenfüge und übersetze, werde ich so reich und berühmt, dass ich allein darum zwei Mädchen bei mir beschäftigen muss, um die anderen daten zu können.“

„Hoho!“ – Ich betrachtete meinen rotglänzenden Freund mit einer Mischung aus Übermut und Mitleid. Die Pubertät machte ihm schwer zu schaffen. Sein Gesicht hatte sich im Laufe des Sommers in einen Kirsch-Quarkstrudel verwandelt und statt zu sprechen, jodelte er bei fast jedem Satz. Außerdem war er, um das Maß der Ungerechtigkeit vollzumachen, seit bestimmt zwei Jahren keinen Zentimeter gewachsen, was dazu führte, dass er unterdessen der Kleinste in der Klasse war. Nur zwei Mädchen sind noch kleiner als er und auch nur dann, wenn sie dringend aufs Klo müssen.

Das ist echt bitter.

Mich hingegen haben die Götter gesegnet. Groß bin ich geworden, ja, geradezu riesig. Und ziemlich schlank. Manche sagen sogar, ich wäre voll schlank. Ich brauche keine Zahnspange und kein Pickelpuder und würde sicherlich an der Spitze der Klassennahrungskette rangieren – wenn ich in Punkto Schlagfertigkeit nicht an der Schwelle zur geistigen Behinderung stehen würde.

 

Hoppla, das mit der geistigen Behinderung sollte man so natürlich nicht sagen. Das diffamiert Betroffene.

Ich werde mich bemühen, mich künftig korrekter auszudrücken und jedes diffamierende Wort mit dem Wort ZAUDAMOM zu überdecken. Das bedeutet: Zensur aufgrund unangemessener Darstellung andersartiger Menschen oder Minderheiten.

Denn Minderheiten darf man nicht diffamieren. Nur Mehrheiten.

Seltsam ist das schon. Das Leid auf der Welt wäre mathematisch betrachtet doch geringer, wenn es umgekehrt wäre, oder?

Egal, das Wort ZAUDAMOM wird meine Kleingeistigkeit künftig angemessen kaschieren. Ich bin mir sicher, dass Sätze wie „Ja, sag mal, bist du denn eigentlich ZAUDAMOM, du Voll-ZAUDAMOM!?“ den Lesefluss nur unwesentlich beeinträchtigen werden.

In der Vergangenheit wurde mir häufig vorgeworfen, frauenfeindliches Betragen an den Tag gelegt zu haben – das lag aber nur an meinem Alter und der damit einhergehenden Einfältigkeit. Heute weiß ich, dass unsere ganze Gesellschaft durchzogen ist von Machtstrukturen und dass die Frauen da drin zappeln wie ein Käfer im Spinnennetz. Beziehungsweise eine Käferin im Spinner-Netz.

Ich will kein Spinner sein. Ich will jeden Menschen mit Respekt behandeln. Darum werde ich mit dem Wort ZAUDAMOM auch sexistische Begriffe überdecken, auch wenn Frauen jetzt nicht unbedingt einer Minderheit angehören. Aber andersartige Menschen sind sie ja in jedem Fall.

Außerdem werde ich mir angewöhnen, den weiblichen Plural mitzubenützen und von Lehrer*innen und Referendar*innen und Schüler*innen zu sprechen. Denn die Sprache unserer Väter – und Mütter – ist gleichberechtigungstechnisch eher dämlich als herrlich.

 

Aber nun zu mir.

Ich heiße Hugo Ramsauer und hab bis vor wenigen Wochen noch die achte Klasse besucht. Es war eine reine Bubenklasse, die aus exakt dreißig nach Schweiß stinkenden Schüler*innen bestanden hatte, und ich bin verdammt froh, dass wir jetzt, wo die Sommerferien rum sind, neu durchgemischt worden sind.

Auch darum, weil es in unserer neuen Klasse das ein oder andere Mädchen gibt, das ich gerne öfter sehe als nur in den beiden Pausen.

Das heißt natürlich nicht, liebe Leser*in, dass ich diese Mädchen auf ihr Äußeres reduzieren würde. Wo denkst du hin? Die haben sicherlich auch schöne Zähne und so.

Auch ich habe schöne Zähne. Und schwarze Haare, aber nicht auf den Zähnen, sondern auf dem Kopf halt. Und auch sonst an vielen Stellen meines maskulinen Teenager*innen-Körpers. Ich bin Fußball- (und Frauenfußball-)Fan und ein kognitives Wunderkind im Sektor Biologie. Wenn meine fleißige Mitarbeit auch nur ein wenig in die Notenberechnung einbezogen wird, kann ich es erfahrungsgemäß durchaus auf einen Zweier im Zeugnis bringen.

Mein Lieblingsessen ist ZAUDAMOM-Wurst mit Reiberdatschi, aber das gibt es bei uns daheim nur selten, weil meine Mutter Reiberdatschi lieber mit Jäger*innen-Schnitzel kombiniert. Dass sie es ist, die kocht, liegt aber nicht daran, dass sie in irgendwelchen Machtstrukturnetzen zappelt, sondern an den Kochkünsten meines Vaters. Der ist halt eher der handwerkliche … äh … Typ … aber das darf man jetzt nicht falsch verstehen, ich meine, frau darf das nicht falsch verstehen … ich …

Verdammt nochmal!!

Ich kann so nicht arbeiten!